Informations-GAU

von Michael

 

Abwiegeln, verschweigen, hinauszögern so scheint es, ist die Ansage zur japanischen Informationspolitik. Sicher Japan hat dieser Tage verschiedene schwerwiegende Probleme. Und dennoch eine, mittlerweile mehrere drohende Kernschmelzen sind ein derart herausragendes Ereignis, dass es eine peinliche Vorstellung ist, die Welt im Unklaren darüber zu lassen, wie der Stand der Dinge ist. Die japanische Regierung spielt Verstecken. Und sie spielt auf Zeit. Dass auf Zeit zu spielen eben auch bedeutet, mit den Ängsten vieler Menschen zu spielen, erinnert unangenehm an die Informationspolitik der damaligen UdSSR, als es um den explodierten Atomreaktor in Tschernobyl ging. 25 Jahre ist es in wenigen Wochen her. Das damalige kommunistische System konnte man nicht gerade als transparent bezeichnen. Japan hingegen ist eine moderne Industrienation. Dauernde Kommunikation über alle Kanäle, die das Internet und Mobiltelefone hergeben, gehören zum Standard. Und dennoch funktioniert die Informationspolitik der japanischen Regierung im Krisenfall nur unwesentlich anders als die der kommunistischen UdSSR vor 25 Jahren.

Wer seit Beginn des Bebens die offiziellen Nachrichten verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass die Informationshoheit nicht bei offiziellen Stellen angesiedelt ist. Wiederum muss man sagen, die spärlichen Informationen verbreiteten sich über einschlägige Twitterkanäle. Die Taktzahl der unwichtigen Meinungsäußerungen und Solidaritätsbekundungen zwischen den essentiellen Informationen war zeitweilig so hoch, dass ein Mitlesen kaum mehr möglich war. Unverständlich bleibt dabei auch, wie sich Japans Offizielle angesichts vieler Experten, die weltweit ihre Einschätzungen zum zeitlichen Ablauf einer Kernschmelze bei vollständigem Versagen der Kühl- und Sicherungssysteme gleichlautend abgegeben haben, vor die Kameras stellen können und in aller Ernsthaftigkeit weiterhin Ahnungslosigkeit kolportieren können.

Wir leben heute in einer globalen Informationsgesellschaft, in der es im Grunde nicht mehr wichtig ist, ob offizielle Stellen bestätigen oder dementieren, denn Informationen darüber, was in den Ecken der Welt passiert, finden ohnehin ihren Weg über die Webdienste. Wenn sich also ein Regierungssprecher vor die Kameras stellt und dementiert, während zeitgleich Informationen über erhöhte Strahlung über die Informationskanäle global gepostet wird, können die, die das Heft des Handelns in der Hand haben sollten, nur noch verlieren. Japans Regierung verliert Glaubwürdigkeit. Für eine Regierung ist das der Informations-GAU, denn als nächstes wird man ihr nicht mehr zutrauen, mit einer katastrophalen Situation überhaupt klar zu kommen. Und heute, am Sonntagmorgen bestätigt sich schon, was man von einer katastrophalen Informationspolitik zu halten hat. In der Situation, in der man nur noch zugeben kann was eigentlich alle schon wissen, handelt es sich plötzlich um mehrere schmelzende Reaktoren. Dennoch stellt sich immer noch ein Experte der japanischen Atomernergiebehörde vor die Kameras des japanischen Sender NHK und führt aus, das doch wohl jeder unter “Meltdown” etwas anderes verstünde.