Wiki und die starken Männer
von Michael
Eine Vergewaltigung ist immer ein probates Mittel Menschen zu vernichten. Selbst wenn von ihr nichts bleibt. Selbst wenn sich am Ende herausstellt, das vermeintliche Opfer hat sich geirrt, gerächt oder es sonstwie mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Eine Vergewaltigung ist andererseits ein ernster Vorwurf, der zu verfolgen ist, egal wie prominent der vermeintliche Täter ist.
Stutzig macht dennoch die zeitliche Abfolge. Die Big Player der Weltgemeinschaft haben erkannt, dass sie verwundbar sind. Deutlich verwundbarer als durch Raketen, Terrorangriffe oder nicht gewinnbare Kriege. Es trifft empfindlich, wenn der saubere Krieg vor den Augen der Öffentlichkeit plötzlich äußerst schmutzig daherkommt. Es stimmt bedenklich, wenn die interessierte Öffentlichkeit erfährt, was Diplomaten an Tratsch, Klatsch und stümperhafter Fehleinschätzung durch die Welt kabeln.
Wikileaks Ankündigung als nächstes ein, zwei Banken über die Klinge springen zu lassen, muss ungeheure Angst gemacht haben. Dass die, die ihre schmutzigen Patschepfötchen sonst überall drin haben den Wikileakianern die Verträge kündigten, ist ein weiteres Indiz für die Sorge, man könne demnächst selbst am Pranger stehen. Ich schätze, die Sorge ist berechtigt.
Nun ist Julian Assange festgenommen. So bitter das ist, aber ich glaube, es ist keine Fehleinschätzung zu glauben, dass Julian Assange im Grunde unwichtig ist, jedenfalls für den Fortbestand von Wikileaks. Ein statuiertes Exempel hat noch nie irgendjemanden von seinen Plänen abgehalten. Wer das glaubt, glaubt auch an Vorratsdatenspeicherung und JMStV. Im Gegenteil, der Versuch Wikileaks zu beseitigen wird viele Wikileaks produzieren und es wird viel Schmutz an die Oberfläche treiben, und wenn wir uns ganz ehrlich angucken, in welchen Ecken Schmutz gelagert wird, war es mehr als erforderlich, dass Wikileaks wie ein Außerirdischer in die Welt kam.
Wie Außerirdische dürften sich bald die vielen starken Männer fühlen, die diese Welt bevölkern, die Bankpräsidenten, Oligarchen, die Diktatoren und Scheindemokraten. Ganz ehrlich, es freut mich, dass Wikileaks über diese Welt gekommen ist und dass es wieder einen investigativen Journalismus gibt, der sich der Flut der Belanglosigkeit entgegenstellt.
Update: Lesenswerter Artikel auf Telepolis: