Ziehende Gauner

von Michael

Für den, der seinem klapprigen abgegriffenen Akkordeon schlimmste Töne entlockt und am Nerv zieht, während man sich auf seinen Latte auf der sonnigen Terrasse am Rhein konzentriert, macht man sich nicht stark. Für die, die mit schmutzigen Händen und Klamotten aus der Altkleidersammlung zusammengekauert in der Fußgängerzone hockt, und auf kleinen handgezirkelten Pappdeckeln dem Vorbeilaufenden sucht, ein paar Euros aus der Tasche zu zerren, schämt man sich, verunstalten solcherlei Gestalten doch die gefegten und gekämmten Innenstädte. Es gibt sie überall, die Sinti und Roma, die sich nomadisch über ganz Europa verteilten. Zwölf Millionen Menschen mit EU-Papieren, mit Menschenrechten, mit Kindercharta, mit Freizügigkeit und Reisefreiheit, angeblich.

Zwölf Millionen Menschen einer Minderheit, die der rumänische Präsident Trajan Basescu doch bittet wieder “Zigeuner” nennen zu dürfen, damit man sie mit den fleißigen Rumänen nicht ständig verwechselt. Zwölf Millionen Menschen einer Minderheit, denen es laut ZEIT in Elend und Armut und Vertreibung und als Opfer rassistischer Anschläge so schlecht geht wie seit den Zeiten des Nationalsozialismus nicht mehr. Mit großer Macht in kleinen Händen hat der französische Präsident Sarkozy Fakten geschaffen und die Roma in ihre “Heimat” abgeschoben, zu den fleißigen Leuten in Rumänien und empört – immerhin – die Europäische Kommission, welche die Einhaltung der Europäischen Verträge zu überwachen hat.

Soll ich das wirklich sagen, was ich davon halte, wenn der Präsident eines EU-Gründerstaates, selbst Träger eines Roma-Namens, seine entfernten Verwandten in eine Heimat abschiebt, die es nicht gibt oder kann man sich das als Europäer mit gesundem Menschenverstand nicht selbst erdenken. Und es vielleicht, gleichwohl mich das jaulende Akkordeon beim Café Latte stört, auch formulieren?

Europa wird sich entscheiden müssen und an diesen Fragen, für welche Mehrheit und für welche Minderheit nicht, haben wir uns das Konstrukt Europa überlegt. Kommt Sarkozy durch mit seinen Abschiebungen und verzichtet die Kommission auf eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof, machen wir uns gemein mit den europäischen Sarkozys und Sarrazins, die protektionistisch die Angehörigen einer europäischen Elite, die arbeiten und Steuern zahlen und ihren Staaten nicht über Gebühr auf der Tasche liegen, aufwiegeln gegen eine Minderheit, die seit Jahrhunderten unter Ausgrenzung, sozialer Ächtung, Vertreibung zu leiden hat, deren nomadische Kultur wir auch nach Jahrhunderten nicht akzeptieren, weil sie so sehr der Gegenentwurf zu den fleißigen Leuten allüberall ist. Integration, das gilt im übrigen auch für die Sarrazin’sche Debatte, ist nicht, dass sich die Minderheit an die Mehrheit anzupassen hat, das wäre Assimilation. Integration ist die Erweiterung unser europäischen Kulturen um die kulturellen Aspekte derer, die zu uns kommen, haben sie nun als Roma EU-Papiere oder sind sie als Türken und Marokkaner noch auf dem Weg dahin.

Wenn Pizza, das italienische Eiscafé und der charmante Italiener mit “Isch ‘abe gar kein Auto” uns kulturell beglücken kann, so ist der Weg zur kulturellen Beglückung kurz, wenn sich in Düsseldorf eine prachtvolle Moschee erheben würde, die man gerne bei Touri-Touren zeigt, und Hamburg stolz jedes Jahr wieder “seine” Roma mit einem großen Volksfest begrüßen würde. Ich weiß, das klingt nach rosa Brille. Andererseits integriert nichts mehr als der zuversichtliche Glauben an Möglichkeiten, denn dieser zuversichtliche Glaube war es, der aus dem durch viele Kriege zerrütteten Europa die Europäische Union geformt hat. Es ist Zeit, sich daran zu erinnern.