So alles

Datum: 03.07.2010, veröffentlicht in Meinung, von Michael

Würde mich jemand fragen (das macht vorsichtshalber niemand), was mir in diesem Lande gegenwärtig auf die Nüsse geht, so hätte ich eine lange Liste parat.  Zu allererst und oberst stünde darauf diese ekelhafte Hitze. Temperaturen um und über 30 Grad sind einfach nicht meins. Es mag daran liegen, dass in der Linie meiner Vorfahren mehrfach Pinguine und Eisbären eingekreuzt wurden. Anders kann man es sich gar nicht erklären. Andererseits weiß man, irgendwann kommt wieder Winter und wochenlange Kälte, die die Heizkostenabrechnung ins Unermessliche treibt. Das will man dann auch wieder nicht. Soll heißen, der Part geht irgendwann vorbei. Hoffentlich bald.

Direkt an zweiter Stelle folgt dieser Party-Nationalstolz mit Beflaggung jedes Vogelhäuschens. Schwarz-Rot-Senf wo immer man auch hinguckt. Ich kann dieses “neue deutsche Bewusstsein” zwar schon besser aushalten als 2006, als dieses Geflagge erstmals in Erscheinung trat, aber schöner oder sinnreicher ist es seither trotzdem nicht geworden. Fahnen sind nationale Symbole, keine Frage, aber eben weil es ein hohes nationales Symbol ist wie Grundgesetz, Reichstag, Demokratie und Bundespräsident kommt diese Überall-und-Dauerbeflaggung seltsam beim Betrachter an. Ein Schüppchen mehr an Patriotismus hat den Deutschen lange gefehlt. Die historischen Ursachen sind bekannt. Das, was sich an Häuserwänden abspielt, hat mit Patriotismus aber überhaupt nichts zu tun, denn es ist schlichter reiner Partyotismus und Ausdruck einer Spaßgesellschaft. Was man gemeinhin unter Patriotismus versteht, fehlt diesem Volk also immer noch. Nicht eine gesunde Liebe zum eigenen Land, der eigenen Herkunft oder gar Stolz auf gesellschaftliche Errungenschaften wird demonstriert, sondern die Projektion auf eine sportliche Veranstaltung und ihre Protagonisten, die heldengleich verehrt werden. Dass es sich nicht um Helden, sondern hoch bezahlte Fußballer handelt, die in einem sportlichen Wettbewerb stehen, in dem sie gewinnen und verlieren können, wird dabei weitestgehend ausgeblendet.

Ich erwarte durchaus nicht, dass jeder Spaß inhaltlich bis ins letzte Atom reflektiert wird, aber ich denke, ich kann von einer Gesellschaft, die sich aufmacht Flagge zu zeigen erwarten, dass sie das im Bewusstsein ihres historischen Hintergrundes tut und dabei im Blick hat, dass Patriotismus und Nationalismus eng beieinander liegen. Wohin die Reise mit der Flagge geht, wissen wir noch nicht. Das ist noch offen. Ob man Befürchtungen entwickeln sollte, weiß ich allen Ernstes auch nicht.

Wo wir gerade beim Thema der nationalen Symbole sind. Nun haben wir einen neuen Bundespräsidenten. Es ist nicht der, den ich mir gewünscht hätte, aber nach meinem Wunsch wurde hierbei nicht gefragt. Dabei hat die Wahl dieses Farblos-Kandidaten einiges Ärgerliche, wo ich als Bürger denke: Muss das eigentlich sein? Die Linke ist keine Klein-Kleckerpartei. Sie hat eine starke Anhängerschaft, vor allem im Osten, aber mittlerweile auch im Westen kann man ihr letztlich nicht weniger Bedeutung zumessen als der FDP oder den Grünen. Sie hat für gute Demokraten ganz sicherlich einige Standpunkte in petto, die schwer auszuhalten sind. Jedoch garantiert die Meinungsfreiheit nicht nur die Freiheit der Meinung der etablierten Parteien, sondern auch aller anderer demokratischer Parteien. Der Nachweis, dass es sich bei den Linken um eine verfassungsfeindliche, nicht demokratische Partei handeln könnte, wurde auch in Jahrzehnten der Beobachtung durch den Verfassungsschutz nicht erbracht. Punkt.

Dass es sich eine Opposition im Bundestag, die inhaltlich insgesamt näher beieinander ist, als das bürgerliche Lager erlaubt, einen alternativen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten durchfallen zu lassen, die sich in lächerlichen Anwürfen, wer wen als erstes und wann angerufen oder nicht angerufen hat ergeht, obschon ein charismatischer Kandidat, der seine Reden selber schreibt, der ein Profil hat, den sich das Volk als Präsidenten wünscht, hat einfach ausgeschissen. Es zeigt sich einmal mehr, dass die Politik, gleich in welchem Spektrum sie sich befindet, ein zänkischer Haufen ist, dem das Grundverständnis für Demokratie und Politikverdrossenheit tiefgreifend fehlt. Dass die Linke mit ihrer albernen Verweigerungshaltung einen bürgerlichen Kandidaten stützt, der bespielsweise im Kuratorium einer Glaubens-Organisation sitzt, die regelmäßig Erweckungsveranstaltungen durchführt, um Schwule von ihrer “Krankheit” zu befreien, das muss sie zumindest ihren eigenen Anhängern mal ausführlich erklären. Ich meine, die FDP müsste sich selbst auch mal erklären, wie sie einem Herrn Wulff unter diesem Gesichtspunkt zustimmen konnte. Das jedoch wäre jetzt noch ein ganz anderes Thema.

Sag was...