Urteil der Angst

Ganz ehrlich, ich kann diese öffentlichen Demonstrationen des Glaubens, gleich welcher Färbung, nicht sonderlich leiden. Ich mag es nicht, wenn Frauen verschleiert sind. Ich mag es nicht, wenn Nonnen in Verkleidung das Stadtbild fluten und immer mehr muslimische Männer in traditioneller Kleidung durch mein Viertel laufen. Eigentlich. Denn meine persönliche Meinung ist, dass Religion etwas privates ist und die Ausübung derselben nicht in den öffentlichen, sondern den privaten Raum gehört. Und uneigentlich ist es mir hingegen völlig schnurz, wer wo und wie seine Religion ausübt, so lange mich der Ausübende nicht wie ein kleines Stückchen Scheiße betrachtet oder behandelt ob meiner Lebensgestaltung und weil ich mir erlaube an einem meinetwegen auch hohen kirchlichen Feiertag unchristliche, unjüdische, unmuslimische, aber in jedem Falle glaubensferne Dinge zu tun.
Ich erwarte generell von Menschen, dass sie mit Gelassenheit aushalten, dass der bedeutendere Glaube nicht mehr das Christentum ist, sondern der Islam. Ich erwarte, dass sie unbeeindruckt den dicken Behördenstempel unter den Bauantrag einer neuen Moschee mit Minarett setzen, wenn keine städtebaulichen Gründe dagegen sprechen. Menschen können aufgeklärt und liberal sein und dennoch Lebensmut, Kraft, Energie aus einem Glauben ziehen. Das ist kein Widerspruch.
Wenn ein schulpflichtiger Berliner Teenager muslimischen Glaubens, der mit 16 doch immerhin religionsmündig ist, einerseits seiner Schulpflicht nachkommt und ohne diese Pflicht zu vernachlässigen, sich in einer Pause zu seinem ritualisierten Gebet zurück zieht, dann ist es zwar eine Demonstration an einem öffentlichen Ort, der sich zudem neutral zu verhalten hat. Dennoch ist es richtig, die Tatsache als solche zu veratmen. Wem schadet es, wenn der junge Moslem sich zum Gebet zurück zieht. Wäre es vielleicht besser, wenn er sich in eine Ecke zurück zöge, um zu rauchen? Können wir es etwa nicht mehr aushalten, wenn Menschen an etwas anderes glauben als wir selbst, die wir an die Technik, das Internet, die Schnellebigkeit, Billigflüge und an unser iPhone glauben? Ist uns die Angst vor islamistischen Tendenzen so tief unter die Haut gekrochen, dass selbst ein Oberverwaltungsgericht ein solches hanebüchenes Urteil fällt?
Können wir nicht einfach zugeben, dass wir auf voller Linie versagt haben und an diesem Versagen immer weiter festhalten? Einerseits ist die Religions- und Glaubensfreiheit die heilige Kuh im Land des Martin Luther. Sie ist so heilig, dass wir die Glaubensgemeinschaften im Grunde machen lassen, was sie wollen. Wir lassen sie machen im Arbeitsrecht, beim Missbrauchsskandal, in der religiösen Unterweisung von Kindern. Und speziell der letzte Part gilt für jede Glaubensgemeinschaft. Jeder Lehrer benötigt eine Ausbildung als solcher und damit eine staatliche Zulassung Kinder und Jugendliche unterrichten zu können. In den christlichen Kirchen können wir zumindest sicher sein, dass nur die unterrichten, die eine universitäre Ausbildung genossen haben, was inhaltlich natürlich nicht hilft. In den Moscheen tolerieren wir, dass Hodgas eingeflogen werden, die von unserem System, unserem Staat, unserer Rechtsordnung nichts wissen, die hier nicht sozialisiert wurden, die den Gläubigen mit lebenspraktischen Dingen einfach nicht helfen können, weil sie keinerlei Ahnung davon haben. Es ist einfach an der Zeit, die religiöse Unterrichtung und Unterweisung von Kindern durch Glaubensgemeinschaften unter staatliche Aufsicht zu stellen und sicher zu stellen, die Unterrichtenden mit religiösen Inhalten sich nicht allzu sehr von den Werten unserer Verfassung entfernen. Ein solches Urteil der Angst wird uns jedenfalls nicht helfen. Im Gegenteil, es fördert Angst und Spaltung und ist unserer freiheitlichen Gesellschaft schlichterdings nicht würdig.




Ein Kommentar zu “Urteil der Angst”
5-30-2010
gut gesprochen bzw geschrieben!
“Es ist einfach an der Zeit, die religiöse Unterrichtung und Unterweisung von Kindern durch Glaubensgemeinschaften unter staatliche Aufsicht zu stellen und sicher zu stellen, die Unterrichtenden mit religiösen Inhalten sich nicht allzu sehr von den Werten unserer Verfassung entfernen.”
ja! – aber woher nehmen wir staatsdiener, die das können?! von der demokratur im bundeskasperltheater ist ja kaum was zu erwarten…
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