Wir sprechen nicht mit jedem

So, die Wahl in NRW ist gelaufen. Keiner hat so richtig gewonnen. Vor allem aber ist Schwarz-Gelb vom Stimmvieh nicht bestätigt worden. Jedenfalls nicht als Gesamtpaket. Nun hat Herr Rüttgers zwar eigentlich gewonnen, kann uneigentlich aber niemanden um sich scharen, mit dem er die Landtagsmehrheit erzielen könnte. Wirklich ein bitteres Schicksal eine Wahl gewonnen zu haben und das Krönchen dennoch nicht zu bekommen. Aber darum sollte es hier gar nicht gehen.
Der Aufreger-Satz der Woche war, jedenfalls war er das für mich, das gebetsmühlenartig in jede aufgestellte Kamerafalle formulierte Verpisst-Euch, politisch korrekt formuliert: “Wir sprechen mit allen demokratischen Parteien!” Was der Redenschreiber uns damit sagen wollte, war schon klar. Deshalb wird so ein Satz trotzdem nicht besser oder richtiger.
Denn, merke: Parteien, die in Deutschland zur Wahl zugelassen werden, darf man erst mal unterstellen, sie sind in sich demokratisch und verfolgen demokratische Ziele. Die Linke mag nicht nach jedermanns Geschmack sein. Schwer erträglich mögen die altkommunistischen Parolen einer Sahra Wagenknecht beispielsweise in manchem Ohr der Moderne klingen. Auch dürfte die Geschichtsklitterung zum Thema DDR mancher Alt- und Jungsozialisten so viel mit der Realität zu tun haben wie Peterchens Mondfahrt. Dennoch ist die Linke nicht die alte SED. In 20 Jahren gesamtdeutscher Realität dürfte auch die Linke da angekommen sein, was den demokratischen Bezug betrifft, wo die Alt- und Ex-Volksparteien bereits sind. Auf demokratische Weise ist die Linke in den Landtag gewählt worden und hat sich nicht etwa hinein geputscht. Ihr Wahlergebnis spiegelt den Wählerwillen wider. Das ist zu respektieren.
Das ist insbesondere von denen zu respektieren, die sich ob ihrer 1000-jährigen Geschichte für den heiligen Gralshüter deutscher Demokratie halten und dennoch keinerlei Gelegenheit versäumen, den Günstling für irgendeinen bonzigen Parteispender zu geben. Wer auf den fetten Spenden-Schecks hockt und immer ganz knapp an der Käuflichkeit vorbeischrappt, sollte einfach gelegentlich mal die Klappe halten. Jedenfalls dann, wenn aus dieser Klappe wiederum ein solcher Satz kommen will, der vor allem davon zeugt, sich selbst in den vergangenen 20 Jahren keinen einzigen Meter fortbewegt zu haben oder allenfalls sich um sich selbst fröhlich im Kreis gedreht zu haben.
Ich will solche Sätze, die den lange untergegangenen Klassenfeind wiederum zum Feind und zur roten Gefahr erhebt, einfach nicht mehr hören. Sie haben mit der Realität nichts zu tun. Sie schüren Ängste, die unbegründet sind und sie vermengen Dinge miteinander, die so weit hergeholt sind, dass es geradezu knirscht.
Die Mehrheit im Lande NRW, jedenfalls die Mehrheit derer, die ihre Wahlurne heimgesucht haben, haben sich für Mitte-Links entschieden und haben Mitte-Rechts abgewählt. Wenn sich dann eine Frau Kraft vor jede Kamera stellt und die, von deren Votum ihre eigene Ministerpräsidentenstelle abhängt als nicht regierungs- und koalitionsfähig beschreibt und auch das gebetsmühlenartig wiederholt, dann spritzt mir allmählich Blut aus dem Ohr und ich muss mich fragen, was das soll? Ist das etwa demokratisches Handeln, das Wählervotum zu degradieren? Wäre es vielleicht möglich, dass sich dieser neu gewählte Kindergarten mal zügig an einen Tisch setzt und anfängt, auszuloten, was gemeinsam geht und was man einer nächsten Regierung überlassen muss? Das kann jawohl nicht so schwer sein.




Ein Kommentar zu “Wir sprechen nicht mit jedem”
5-16-2010
England hat ja kürzlich auch gewählt. Das erste Mal nach dem 2. Weltkrieg ist dort eine Koalitionsregierung notwendig. Ein Geschäftsfreund aus England war entsetzt darüber, dass es 5 Tage gedauert hat, bis die Regierung steht, das sei doch viel zu lange!
Bei uns scheint es so – egal ob Bundes- Landtags- oder Regionalwahl, dass die Koalitionsparteien eine halbe Legislaturperiode brauchen, um sich zusammenzuraufen. Sowas in 5 Tagen auf die Beine zu stellen ist hier wohl unmöglich.
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