In der Stadt der Toten

Datum: 22.11.2009, veröffentlicht in Sammelsurium, von Michael

Wer mich fragt, was denn wohl das beeindruckendste an meiner Lissabon-Reise war, dem muss ich sagen, es war der Besuch auf dem alten Friedhof Cemitério dos Prazeres (Friedhof der Vergnügungen). Nachdem ich in Lissabon nach ein paar Tagen wirklich genug alte Häuser in winzigen Gassen gesehen hatte und treppauf und treppab durch die Stadt gelaufen bin, dachte ich mir, dass es in dieser Stadt, in der es so viel alte gut erhaltene Bausubstanz gibt, es doch eigentlich auch einen alten Friedhof geben müsste.

Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres
Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres

Mikkos Reiseführer schwieg sich dazu aus, also durchsuchten wir ein bisschen das Internet und fanden ein paar Hinweise darauf, dass sich ein Besuch tatsächlich touristisch lohnen könnte. Dass wir am Ende ein paar Stunden auf diesem Friedhof zubrachten, ließ sich jedenfalls von den knappen Beschreibungen nicht erwarten.

Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres
Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres

Schon der Name des Friedhofs klingt in der hiesigen Kultur, wo man seine Toten nach dem Ableben gerne unsichtbar dem Bestatter übergibt und sie dann auch möglichst unsichtbar bleiben sollen bis sie tief in der Erde verscharrt werden, eher seltsam. Was soll das sein ein Friedhof der Vergnügungen? Das eine, nämlich das Ableben ist in der Regel kein Vergnügen und das Übrigbleiben auch meist eher nicht. Nach ein bisschen Recherche ist der Name jedoch leicht zu erklären. Auf dem Grund und Boden des heutigen Friedhofs existierte früher ein Park der Vergnügen. Davon geblieben, jedenfalls namentlich ist das Vergnügen.

Beeindruckend in ist der Cemitério dos Prazeres in vielerlei Hinsicht. Er ist so ungewöhnlich mit seinen vielen eigens für die Toten gebauten Häusern und dem offenkundigen Wunsch, selbst in Bodengräbern sowie den Wandgräbern den Toten von der Erde fern zu halten. Die meisten Friedhöfe als Orte des Vergehens und der Vergänglichkeit übergeben ihre Toten der Erde, wo sie selbst auch wieder zu Erde werden. Nicht so auf dem alten Lissaboner Friedhof. Hier baut man den Toten Häuser. Manche Häuser sind so schmal, dass sie kaum breiter als die Tür sind. Andere sind so prächtig und monumental, dass man sie glatt für Kirchen halten könnte.

Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres
Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres

Genau genommen sind diese Totenhäuser Kirchen. Ich hatte mich gefragt, wie eine Bestattungskultur entsteht, in der “Erde zu Erde” eben nicht gilt, in der die Särge auf in den Wänden eingelassenen Steinplatten abgestellt werden und dort für sehr lange Zeit stehen bleiben. Wieso haben selbst die kleinsten Bauten so etwas wie einen Altar, viele eine Gebetsbank, ein Kreuz auf dem Dach, ein Kreuz hinten an der Wand?

Mikko fand eine nachvollziehbare Lösung im Netz. Die Kultur der Totenhäuser nahm ihren Ausgang in Portugal nach dem großen Erdbeben und dem Tsunami von 1755 in Lissabon und entlang der Algarve. Bis zu dieser gewaltigen Katastrophe wurden die Toten in Kirchen beerdigt. Nach dem Beben gab es so viele Tote, dass sie nicht mehr in Kirchen beerdigt werden konnten. Mal abgesehen davon, dass mit dem Beben viele Kirchen verschwunden waren, wurden durch das Beben die Kapazitäten der verbliebenen Gotteshäuser erschöpft.

Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres
Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres
Cemitério dos Prazeres Cemitério dos Prazeres

So soll sich die Kultur der Totenhäuser, die auch in Frankreich bekannt ist, entwickelt haben.

Der Cemitério dos Prazeres, auf dem schon seit 1833 bestattet wird, verströmt einen morbiden Charme. Ich hatte einige male das Gefühl den Geruch von Verwesung in der Nase zu haben. Auch ist mir einmal das Herz bis tief in die Hose gerutscht, weil man hier nicht erwartet, dass jemand oder etwas aus einem dieser Totenhäuser herauskommt. Als ich auf eines der Häuser zulief, kam eine verwilderte Katze aus einem durchgerosteten Loch in der Tür mit einem lauten Knall hervor geschossen. Dass der Friedhof von einer ganzen Katzenkolonie bevölkert wird, fiel mehr erst danach auf.

Obwohl die Toten hier so strikt von der Erde getrennt “aufbewahrt” werden, ist der Friedhof dennoch Ausdruck von Vergänglichkeit. Viele der Totenhäuser werden immer noch gepflegt und renoviert. Es finden auch neue Bestattungen darin statt. Aber mindestens so groß wie die Anzahl der gepflegten Gräber ist die Anzahl derer, deren Türen bereits die Scheibe und die Gardine eingebüßt haben und nunmehr den direkten Blick auf die Särge frei geben. Ich denke, es ist dem milden fast winterfreiem Klima zuzurechnen, dass auch sehr alte Särge noch sehr gut erhalten bleiben.

Was wir nicht rausfinden konnten ist die Frage, was der Friedhof mit den nicht mehr gepflegten Gräbern macht. Davon gibt es wie gesagt sehr viele, aber lediglich eine Handvoll leerer Gräber oder leerer Häuser haben wir auf dem Friedhof gesehen. Geht es am Ende, wenn man mal 50, 100 oder 200 Jahre in seinem Totenhaus gelegen hat, möglicherweise doch noch in die Erde? Wissen wir nicht, wer eine Antwort weiß, kann die hier gerne mal posten.

2 Kommentare zu “In der Stadt der Toten”


Hans-Georg
11-22-2009

Mich erinnern diese “Kabinette”, in denen die Särge links und rechts in 2 oder 3 Etagen übereinander stehen, an Liegewagen der Bahn.
Ich hab etwas ähnliches mal auf Mallorca gesehen. Da werden die Särge zwar unterirdisch eingestellt. Es sind aber gemauerte Gruften mit mehreren Abstellvorrichtungen übereinander. Man kann aber nicht hinschauen da die Gruften mit mehr oder weniger prachtvollen Platten verschlossen werden. Eine frischgemauerte Gruft gab aber den Blick frei in das Innere.


Michael
11-22-2009

Die Liegewagen der Bahn kann man ja eigentlich auch nur tot aushalten, hatte vor Ewigkeiten auch mal das Vergnügen in einen dieser Kisten zu reisen ;-)

Sag was...