20 Jahre Pathos

Datum: 10.11.2009, veröffentlicht in Meinung, von Michael

1984 stand ich 16-jährig mit meinem allerersten noch grünem Reisepass der BRD, der ausgestellt war für Reisen nach Berlin in einem Grenzerhäuschen der DDR, in dem ein Grenzer, in meiner Erinnerung viel höher sitzend als ich vor ihm und seiner Scheibe stand, mit meinem Reisepass in der Hand minutenlang mich musterte und mir das deutliche Gefühl von Ohnmacht vermittelte. Ost-Berlin, die Hauptstadt der DDR erschien mir seltsam leer, kaum Menschen auf den Straßen, eine Karawane FDJ-Pioniere zog an uns vorbei. An großen Plätzen hingen Überwachungskameras. Der Osten sah anders aus, roch anders und war doch nur einige Kilometer vom trubeligen Westen entfernt. Die 25 Mark Zwangsumtausch mussten ausgegeben werden, was nicht leicht war, weil es kaum Interessantes zu kaufen gab. Ein Restaurantbesuch dieser Gruppe Jugendlicher wurde zum Desaster, weil völlig unverstellbar unsere Gruppe in einem leeren Restaurant einzeln auf Tische separiert wurden. Ein paar Tage zuvor hatte ich auf einer Aussichtsplattform an der Mauer auf West-Seite gestanden und in den Osten geblickt. Die Erfahrung Ost-Berlin prägte, sicher nicht ganz ungewollt vom Westen, der solche Klassenfahrten finanziell bezuschusste, die Idee, dass ich nicht mehr in den Osten schauen möchte und es deutlich interessantere Reiseziele auf der Weltkarte gab in Richtung West als die DDR und der sozialistische Osten.

Nur fünf Jahre später, 1989 passierte diese Ungeheuerlichkeit. Diese Mauer, die Berlin teilte und West-Berlin geradezu einmauerte wurde aus dem Osten her eingedrückt. Ich erinnere mich, dass ich das Ereignis gebannt im Fernsehen verfolgte und es mich faszinierte, wie stark der Wunsch nach Freiheit werden kann und wie stark ein Volk ist, wenn es sich einig ist gegen wen und gegen was es auf die Straßen geht. Aber ich erinnere mich auch sehr genau, dass ich skeptisch war gegenüber dem bald einsetzenden Vereinigungstaumel, gegenüber der wundersamen Geldvermehrung, mit der die West-Mark die Ost-Mark in den Gulli der Geschichte spülte. Ich war skeptisch und blieb es für viele Jahre. Relativ kurz nach dem Mauerfall bin ich nach Leipzig gereist und noch etwas später nach Dresden. Ich hab mir dieses Leipzig und dieses Dresden der untergehenden DDR angeschaut und meine Skepsis blieb. Ich konnte wenig anfangen mit dem “es wird zusammen wachsen, was zusammen gehört”. Für mein Verständnis als Kind der Bonner Bundesrepublik war die Wiedervereinigungs-Präambel des Grundgesetzes eine nicht mehr ernst gemeinte Absichtserklärung, wohl wissend, diese einst historisch verankerte Absicht würde man nicht einlösen müssen.

Heute 20 Jahre danach habe ich – ungewöhnlich für mich – den ganzen Abend vor dem Fernseher geklebt. Ich habe keinen Satz verpassen wollen, auch von dem was in pathetischen Reden emotional aufgeladen, manchmal auch übertrieben überhöht über den Sender ging. Und ich muss gestehen, auch wenn ich wirklich skeptisch war vor 20 Jahren, geht es mir heute so wie wahrscheinlich ganz vielen anderen. Wenn ich die Szene wieder sehe, in der Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft verkündet, dass er hierher gekommen sei, um den Menschen mitzuteilen, dass ihre Ausreise… der Rest seiner Worte versank im Jubel der Botschaftsflüchtlinge… wenn ich diese Szene, die ich so oft in 20 Jahren gesehen habe, wieder sehe, dann steigt mir das Wasser in die Augen und ich hab einen Kloß im Hals. Gleiches gilt für die Bilder der ersten Grenzübertritte von Ost nach West. Wir alle hatten 20 Jahre Zeit die emotionalen Szenen mit Erinnerungen anzufüllen. Und natürlich… der Mensch, auch viele Menschen und Völker neigen dazu die Vergangenheit etwas zu verklären. Und dennoch glaube ich, dass dieser 20 Jahre junge Baum der überwundenen Teilung ein gesundes nationales Bewusstsein in die Volksseele gebrannt hat, in der der Unterschied zwischen Ost und West immer unbedeutender wird. Genauso wie ich als Kind meine Großeltern natürlich nicht als Kriegsteilnehmer sehen wollte oder konnte, obschon sie es waren. Das ist kein Argument für den dieser Tage mehrfach geforderten Schlussstrich. Es ist das Gegenteil. Es ist vielmehr das Argument für Erinnerung an das eigene Erleben derer, die 1989 bereits lebten und die Weitergabe dieser Erinnerungen an diejenigen, die nach dem Zerfall der sich gegenüberstehenden Blöcke geboren sind.

Ich habe heute mit Kindern über dieses Ereignis vor 20 Jahren gesprochen, was es bedeutete für Deutschland, Europa und die Welt. Was es denn überhaupt heißt, die Mauer sei gefallen. Warum es zwei deutsche Staaten gab und was diese innerdeutsche Grenze politisch und für die Menschen in Deutschland bedeutete, was die Menschen im Osten erringen wollten und errangen mit ihrer friedlichen Revolution auf den Straßen der DDR. Es ist verstörend wie wenig Kinder und Jugendliche heute wissen und in welchem zeitlichen Rahmen sie den Mauerfall einsortieren. War es vor dem Dritten Reich oder danach beispielsweise. Ich finde, das muss sich ändern und ich glaube, dass sich sowas nur ändert, wenn diejenigen, die in dem einen oder anderen deutschen Staat lebten wieder anfangen darüber zu sprechen. 20 Jahre sollten für genug Distanz zu eigenen auch finsteren Erfahrungen gesorgt haben.

Ein Kommentar zu “20 Jahre Pathos”


Doc Sarah
11-11-2009

ja – und zum 71. mal jährte sich denn auch die reichsprogromnacht – die wird seit 20 jahren nur zu gern vergessen… http://www.youtube.com/watch?v=kK5O1rL0NwE

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