Lecker Abfall

Datum: 11.07.2009, veröffentlicht in Haus & Hof, Meinung, von Michael

So, nu hat die Republik also wieder einen Skandal. Dieses mal in der Geschmacksrichtung Lebensmittel, wenn man denn von Geschmack noch sprechen kann. Zauberworte wie Analog-Käse und Gelschinken machen die Runde. Jedes Magazin zeigt plötzlich, was sich der zivilisierte Mensch an Abfall auf den Teller häufelt und beklagt lauthals die Frechheit der Lebensmittelindustrie. Tja, Leute, was soll ich dazu sagen? Das ist doch nicht neu, dass 80 Prozent dessen was der Discounter um die Ecke im Sortiment hat eigentlich Abfall ist. Was meint ihr, warum sich die Lebensmittelindustrie so erfolgreich gegen die Ampelkennzeichnung wehrt.

Andererseits… was soll schon sein? Wer zu blöd ist zum Kochen, und ich kenne überhaupt nur noch ganz wenige Leute, die wirklich kochen können, der muss ja trotzdem was essen. Und wer sich seinen Geschmack soweit hat aberziehen lassen, dass er nicht mehr weiß, das Tomaten nicht grün und sauer, sondern eigentlich knallrot und zuckersüß sind, der hat’s einfach auch nicht besser verdient.

Gut, wir müssen unser Essen nicht mehr selbst jagen und die Kartoffeln nicht mehr selbst aus der Erde kratzen. Das hat durchaus Vorteile, die ich wirklich zu schätzen weiß. Auch, dass ich auf eine Vielfalt an Lebensmitteln, die den Namen verdienen, blicken kann und mir das heraus picke, wonach mir gerade die Lust steht, finde ich als moderner Mensch auch besser, als wenn ich das ganze Jahr Getreidegrütze in mich reinschaufeln müsste, nur weil meine Scholle nix anderes als Gerste hergibt.

Lust – Essen hat viel damit zu tun. Und die Zubereitung auch. Es macht Lust, sein Essen selbst zuzubereiten. Es ist reine Lust die Geschmacksnuancen gedanklich zusammen zu setzen und daraus einen ganzen Geschmack zu kreieren und sich daran zu erfreuen, dass es genauso oder ganz anders und viel besser geworden ist. Essen ist etwas soziales, geradezu eine soziale Errungenschaft. Menschen sprechen beim Essen. Man kann sich den Tag erzählen oder was auch immer gerade obenauf liegt. Man kann den Koch mit Lob überhäufen und sich bei selbigem für das köstliche Mahl bedanken.

Reißt der Mensch hingegen die Fertigfutter-Plasteschale auf und schiebt sie sich für drei Minuten in die Mikrowelle, um den angewärmten Abfall beim Verdummungs-TV zu vertilgen, der hat’s nicht besser verdient. Der kann genussvoll in die Analog-Frikadelle beißen und den aus 100 Prozent Zellulose angerührten analogen Kartoffelpürree in sich hinein stopfen.

Schon oft habe ich mich mit meiner Kollegin gezankt, dass sie gerne derlei Abfall mittags in die Kinder hinein kippt und sie mit dem Industriefraß für ihr noch langes Leben geradezu abhängig macht von Natriumglutamat, wie jüngere chinesische Langzeitstudien zeigen. Das ist nämlich das Nebenprodukt. Eine sehr geschickte Kundenbindungsstrategie. Begründet wird’s dann gerne mit wenig Zeit, wenig Geld, um richtig zu kochen, was mir allerdings ein müdes Lächeln ins Gesicht meisselt. Denn Essen aus richtigen Lebensmitteln, aus echtem Gemüse und echtem Fleisch und echten Kartoffeln und echter Sahne und echtem Getreide und echtem Käse und echten Gewürzen und ohne Glutamatzusatz ist… man mag es ja kaum glauben … billiger als Industriefutter. Ja, da staunt der verdummte Verbraucher jetzt aber. Mal abgesehen von dem Mehr an Lust, dem Mehr an Sättigung, dem Mehr an Geschmack bleibt ein gehöriges Mehr zurück im eigenen Geldsack. Und Zeit… bitte… in 30 bis 60 Minuten ist alles zubereitet, was es zur gesunden und geschmacksintensiven Ernährung braucht. Und wenn’s dann doch mal länger dauert, weil ein großer Vogel bei 150 Grad ein paar Stunden im Backofen schmort, der muss ja nun wirklich nicht zwei, drei Stunden vorm Backofen hocken und reingucken, ob der Vogel nicht vielleicht doch noch flüchten möchte.

In diesem Sinne: Guten Appetit! … und wenn es jetzt noch einiger Anregungen bedarf, bittesehr – hier sind sie.

5 Kommentare zu “Lecker Abfall”


m4rten
7-11-2009

Danke, toller Eintrag.


nerf
7-11-2009

Respekt. daraufhin werde ich mir erstmal ein gutes schnitzel mit Kartoffelsalat machen.


Michael
7-11-2009

@nerf: Das gibt’s ja praktischerweise schon fix und fertig aus Fleischabfall und Formkartoffeln mit Fake-Mayonaise… lass es dir schmecken!

[...] » Lecker Abfall [...]


just me
7-18-2009

!!!!!!!!!!!
recht haste!
..aber du hast noch die Garnelen vergessen, die auf Muskeleiweiss geformt wurden ;o), das passende Lifestyle-Futter für die modernen Menschen hier….

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