Braunes Deutschland
Es ist schon ein bisschen unfassbar, was seit Tagen an braunem Sumpf die Nachrichten dominiert. Dabei haben wir doch seit 9/11 so tolle Terrorgesetze. Wie konnte das eigentlich passieren, dass diese tollen Terrorgesetze die neuen alten Terroristen nicht verhindern konnten? Ach ja, klar, Vorratsdatenspeicherung. Jetzt wieder das. Stimmt, die Vorratsdatenspeicherung hätte die rechtsäugige Blindheit zwar auch nicht verhindert, aber welch opportune Gelegenheit für CDU-Politiker mit marginaler Sach- und Medienkompetenz wieder zu fordern, was sich als ungeeignet herausgestellt hat. Mal abgesehen davon, dass es Freiheitsrechte beschneidet. Der Mensch kommuniziert halt anders, wenn er weiß, dass er dauernd überwacht wird. Wer’s nicht glaubt, sollte sich mal mit DDR-Zeitzeugen unterhalten.
Und: Sind wir wirklich überrascht? Haben wir in den letzten Jahren just dann immer geschlafen, wenn die Wahlergebnisse der östlichen Bundesländer bekannt gegeben wurden? Und wenn in den Acht-Uhr-Nachrichten ein brauner Mob durch irgendeine Stadt marschierte, ist uns das entgangen? Als vor ein paar Jahren von den östlichen No-Go-Areas gesprochen wurde, jedenfalls wenn man schwarz oder schwul oder beides ist, hätte man doch wohl dran fühlen können, dass sich das rechte Problem nicht in Wohlgefallen auflöst.
Was kann man sich jetzt schön öffentlichkeitswirksam entschuldigen und entrüsten. Jedenfalls, wenn man Politiker ist. Das gehörige Maß an öffentlich zur Schau getragener Scham wird schon davon ablenken, dass man die Projekte, die sich um rechtsgefährdete Jugendliche kümmerten, kriminalisierte und dem Boden gleichmachte. Die vorweihnachtliche Öffentlichkeit wird mit ganz viel Glück vielleicht nicht entdecken, was das Zurückfahren von Präventionsmitteln bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit für junge Männer im Osten für Folgen haben kann.
Und doch ist es ganz genau wie immer in diesem wundervollen Deutschland. Mit dem Zeigefinger hat man den Schuldigen bei den Geheimdiensten schon ausgemacht, man häutet sich selbst in der aktuellen Stunde im Parlament und vor jeder wichtigen TV-Kamera. Wenn man das lange genug durchzieht, ungefähr bis zu dem Moment bis der enervierte Zuschauer Brechreiz bekommt und wegschaltet, dann wird es reichen, ein paar neue und schärfere Terrorgesetze zu fordern. Dann muss man gar nicht weiter darüber nachdenken, was das mit einem selbst, den eigenen politisch aufgekochten Stammtischparolen zu tun hat und was man selbst dazu beigetragen hat, dass NPD und rechter Terror so schön stark werden konnten im schon immer braungefährdeten Deutschland. Also, durchhalten ist die Parole. Dann geht’s schon wieder weg, diese penetrante öffentliche Aufmerksamkeit.